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Rekonvaleszenz

May. 4th, 2012 | 08:21 am

Spinoza drückt sich keineswegs um das Thema der sinnlichen Liebe und ihrer Fallstricke (warhscheinlich bezieht sein Projekt gerade von da einen wichtigen Impuls)

„In der Tat, von der Lust wird das Seele so umspannt, als ob es in einem richtigen Gut ruhte; und dadurch wird es im höchsten Maße gehindert, an etwas anderes zu denken. Doch folgt auf den Genuss dieser Art eine höchste Trauer, die den Geist wenn nicht in seiner Aktivität aufhebt, so doch verwirrt und abstumpft.“ (TIE 1,4)

Wahr gesprochen! Und warum? Spinoza erklärt uns:

„Lust/der sinnliche Kitzel ist eine Freude, die, insofern sie sich auf den Körper bezieht, darin besteht, dass einer oder mehrere seiner Teile mehr als die anderen affiziert werden“ (E4P43Dem) und deshalb kann sie ein Übermaß haben (E4P43).

Wird dieses Übermaß nicht durch eine vernünftige und liebende Haltung eingeschränkt bzw. transformiert, sondern ist nur noch die Erregungsfähigkeit des Körpers ihre eigene Grenze, so führt dies, verbunden mit anderen Affekten (Hoffnung, Angst, Eifersucht) unweigerlich in die Erschütterung.

Vorstellungskraft und Erinnerung, also eingeschränkte Denkfähigkeit, leisten das Übrige, um uns in einem miserablen Zustand zu erhalten.

Die Befreiung aus dieser Misere vollzieht sich nach Spinoza auf parallelen Wegen und es zeigt sich, wie wenig Spinoza „Rationalist“ in einem üblichen Sinn ist. Denn die bloße Erkenntnis, was für uns gut bzw. schlecht ist (das Übermaß), ist gegen die körperliche Abhängigkeit und den Ansturm der sinnlichen Vorstellungsbilder machtlos, solange diese Erkenntnis nicht selbst einen stärkeren Affekt darstellt (E4P14). Die Stabilisierung dieser Erkenntnis als einer wahren, die auch zugleich einen stärkeren Affekt darstellen kann, vollzieht sie über den ausgeglichenen Körper, der sich seinerseits dem einseitigen, durch Übermaß beeinträchtigten Körper „entgegenstellt“.
Der reale Gang der Genesung wird also mit zwei Krücken vollzogen – einer geistigen und einer körperlichen – die sich in ihren je eigenen Affektionen in der Person stabilisieren: die wahre Erkenntnis, dessen, was für mich gut/schlecht ist und die Praxis des ausgeglichenen („wahren“) Körpers, der fähig ist, die Sucht und einseitigen körperlichen Eindrücke zu neutralisieren.

Ist das nicht ein Zirkelschluss: Wir – unsere Körper – werden fähig, wenn wir/die Körper dazu fähig sind?

Nun, solange wir am Leben sind, hat unser fähiger, „wahrer“ Körper niemals zu existieren aufgehört. Neben all dem, was es an Übermaß in ihm geben mag, gibt es einen großen (und letztlich größeren) Teil, der immer noch im Ausgleich funktioniert: unser Herz schlägt immer noch, wir Atmen immer noch, wir essen und verdauen, wir schlafen und wachen auf … Und selbst wenn jene Rhythmen nicht rund laufen, so reicht es bei ihnen zu verharren, sich pflegend auf sie zu konzentrieren, damit sie sich von selbst und somit uns erhalten und stärken. Auf dieser Basis lässt sich eine Praxis des ausgeglichenen Körpers entwickeln (Sport, Yoga, Spa, Sonne, Disco, lange schlafen, …), die uns weiter stabilisiert, sodass es uns einmal wieder gelingt zu lieben, ohne sich zu vergiften und ohne zu hassen.

Und Schopenhauer hat nicht recht: unser Leben wird nicht „zwischen Schmerz und Langeweile hin und her geworfen“, (WWV I, Suhrkamp, 432).

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Dritte Lebens- und Erkennensweise

Apr. 30th, 2012 | 10:23 am

In der zweite Lebens/Erkennensweise ging es um das Gemeinsame zwischen uns und „den Dingen“ bzw. anderen Menschen, um das, was wir immer schon mit anderen gemeinsam haben, um das was im Laufe der Natur- und Menschgeschichte uns gemeinsam geworden ist und um das, was sich gerade als Gemeinsames konstruiert, was wir als Gemeinsames konstruieren und hervorbringen. Die dritte Lebens/Erkennensweise geht von den Erlebnissen/Erkenntnissen der zweiten aus, sucht aber das Besondere, das Singuläre in unseren Begegnungen, Beziehungen, in uns selbst und die Notwendigkeit mit der dieses existiert. Auf dieser Ebene geht es um unsere Beziehung zum „Ganzen“ der Natur, zum Prozess des Realen oder Gott.

Hier scheiden sich zwei entscheidende Lesarten Spinozas: eine eher mystische und eine, die versucht, die Verbindung mit Wissenschaft und Rationalität nicht völlig zu kappen.
Je mehr wir die Einzeldinge, das Singuläre erkennen, desto mehr erkennen wir Gott. Und je mehr wir Gott erkennen, desto mehr erkennen wir uns. Die mystische Lesart sieht in den logischen Schleifen und in den paradoxen Formulierungen, zu denen Spinoza hier (vor allem im fünften Teil der „Ethik“) gelangt, kein Problem bzw. nur das Anzeichen, dass Sprache nicht ausreicht um diese Erfahrung zu beschreiben. Das „Ganze“ und man selbst darin, könne unmittelbar erlebt werden. Hier gibt es dann schnell einen Übergang zu östlicher und esoterischer Weisheit, von wo es dann problematisch wird, zurückzukehren.

Eine materialistische Lesart, auch meine, könnte darin bestehen, diese Schleifen und Paradoxien als solche zu akzeptieren, als Punkte, zu denen man im Leben/Erkennen immer wieder kommt, an denen sich Entscheidendes vollzieht. Wir erkennen an solchen entscheidenden Punkten sowohl eine Sache, als auch den Weg, der uns hierher geführt hat. Wir erkennen etwa den Charakter einer Beziehung zu einer anderen Person und unsere Symptome darin. Wir erkennen aufgrund welcher Lebensgeschichte, unsere Symptome hier „getriggert“ worden sind, zugleich erkennen wir aber auch das Konstruierte, „Künstliche“, Imaginierte, das sich real wirksam in dieser Geschichte abspielt. Ich erkenne, dass ich mich selbst erzähle. Insofern erkennen wir auch das subjektiv Zufällige, Nicht-festgelegte der Situation, in der wir uns befinden. Diese Situation ist analog zu dem Historiker, der nicht nur die Geschichte einer besonderen Sache erforscht und darstellt, sondern im Laufe seiner Forschung feststellt, das sein eigener Standpunkt historisch ist und in welch umfassenden Ausmaß … An diesem Punkt erleben/erkennen wir – wobei unklar ist, was dies hier noch heißt – ein Zusammenfallen von ansonsten üblichen Gegensätzen: absolut/relativ; endlich/unendlich; zeitlich/ewig; notwendig/zufällig, Ganzes/Teil etc.

So verstanden bekommen wir hier eine alternative Version zu dem „mystischen Ganzen“ mit denen sich die Esoteriker zu verbinden suchen. Dieses „materialistische Ganze“ ergibt sich aus dem „Zusammenfallen“ dieser Gegensätze an bestimmten Punkten des Wissens-, Lebensprozesses … Die „Tiefe“ der Erfahrung an diesen Punkten ist zugleich flach … aber auch weit … Von hier aus lässt sich – bei aller Kontinuität und Notwendigkeit – ein neuer Weg einschlagen, neu beginnen, neu erleben, neu denken. Wir gehen im Kreis und indem wir das erkennen, kommen wir weiter. Oder: Es gibt kein gelobtes Land, in das wir je übertreten könnten, wir kommen aber immer wieder an seine Grenze und dies ist unsere „Glückseligkeit“ – die Fähigkeit an der Grenze zum gelobten Land wandeln zu können.
Verstehe, wer das will …
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Zweite Lebens- und Erkennensweise – gemeinsam begreifen

Apr. 28th, 2012 | 10:15 am

[140]
Also, was ist nun diese zweite Art, die zu leben und zu erkennen?
Es handelt sich hier um ganz Konkretes: vor allem um Lernprozesse, egal ob Schwimmen, Tanzen, Autofahren. Es geht hier um die Vernunft, aber nicht die Vernunft einer abstrakten Logik, sondern um eine, die es versteht, sich der Eigenlogik der Prozesse und Dinge anzugleichen. Schwimmen zu lernen ist vernünftig, nicht nur, weil es eines Tages einem das Leben retten könnte, sondern schon jetzt, im Tun: unser Körper verbindet sich auf eine ihm nützliche, kräftigende Weise mit der Eigenlogik des Wassers. Unser Körper besitzt von nun einen größeren Erfahrungsschatz, mehr Fähigkeit, Dinge zu bewirken und zu erleben. Dieses Erkennen/Erleben, das sich mit der Eigenlogik einer Sache verbinden und diese für gute Begegnungen nützen kann, vollzieht sich über das, was Spinoza Gemeinbegriffe nennt. Dabei handelt es sich nicht, um Worte, die allgemeine Eigenschaften der Dinge auf zusammenfassende Weise definieren oder ähnliches, sondern um ein aktives Begreifen, was wir mit anderen Dingen bzw. Menschen gemeinsam haben oder als Gemeinsames herstellen können – und um das gedanklich-sprachliche Erfassen dieser Gemeinsamkeiten. Die Gemeinbegriffe befinden sich zwischen dir und mir, zwischen Liebenden. Aber zwischen denen, die versuchen, ihre Lage zu begreifen. Sie betreffen aber auch die absehbaren Regelmäßigkeiten in der Natur und in der Gesellschaft und Geschichte – die Wissenschaft, vor allem, wenn sie auch in ihrer praktischen, von Menschen hervorgebrachten und für menschliches Erkennen und menschliche Zwecke ausgelegte Aktivität verstanden wird.

Die Gemeinbegriffe besitzen aber auch eine emotionale, affektive Dimension. Dabei gilt: Die Emotion ist nicht schon selbst wahr, aber sie deutet das Wahre an. Die Emotion ist der Weg oder liegt auf dem Weg der Wahrheit, sie selbst ist aber noch nicht als solche wahr. Schließlich kann man sich nie ganz sicher sein, ob man sich nicht äußerst geschickt selbst manipuliert oder getäuscht hat. Alle möglichen Stimmungen lassen sich mit den geeigneten Mitteln hervorrufen. Das Wesentliche ist der Übergang von der Emotion zum Handeln, zum Zusammenhang „Erkennen-Handeln“ mit dem Verstehen von entscheidenden Ursachen unserer Emotion. Es geht darum, zu verstehen, an welchem Spiel man teilnimmt und nicht bloß die Marionette eines Spielleiters zu sein. Es geht aber auch darum, Stromschläge zu vermeiden, da man einen Begriff vom elektrischen Stromkreis hat oder sich Impfen zu lassen, bevor man nach Indien fährt, etc.

Es geht also um ganz konkrete Dinge: „Ist es ok, wenn ich mit dieser Person auf ein Bier gehe, einen Nachmittag verbringe, mich auf eine Diskussion einlasse, auf Urlaub fahre? Wie weit, bis zu welchem Grad kann ich mich mit XY auf den Weg von Aufrichtigkeit, Wahrheit, Offenheit wagen?“ Hier geht es um Fragen wie sie etwa auch im beruflichen Alltag auftauchen – Probleme, die oft sehr emotionsgeladen sind. Es gibt sehr intelligente Menschen, die dennoch sehr ungeschickt sind, wenn es um die Beherrschung der Gefühle geht, die ihnen innewohnen. Umgekehrt gibt es jene, die sehr geschickt darin sind, die Fäden der Machtspiele zu erkennen, sich ihrer zu bedienen und emotional „die Puppen tanzen zu lassen“. Aber auch andere Fragen: „Die vielen Bücher in meinen Regalen – was nützen sie mir? Bin ich wegen ihnen, etwas weniger vertrottelt, bin ich wegen ihnen geschickter, intelligenter? Wozu dienen die Dinge, die ich lese, schreibe, exzerpiere, festhalte?“
[141]
Freunde und Bücher haben mein Leben geformt und in gewisser Weise gerettet – darunter und vor allem auch Spinoza. Er –aber auch viele andere – haben mir enorme Wohltaten erwiesen indem sie mich „lieben-verstehen-handeln“ ließen. Seine und die Bücher anderer, das, was ich von ihnen für mein Leben behalten habe, sind ein Kompass, Karten, Richtungsweiser, Dosierungsvorschläge, Gebrauchsanleitungen, Mahnungen um mich zu leiten … Das ist die Aufgabe: Karten für das Leben zu erstellen, Kräftediagramme der Verhältnisse zu erstellen, in denen man sich bewegt, lebt.
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Frei werden

Apr. 27th, 2012 | 09:19 am

[137]

Wie kann man frei werden, wo wir doch – nach Spinoza – in einen Sumpf aus Verhältnissen, Beziehungen, Verknüpfungen geworfen sind? In die Welt geworfen – das bedeutet jederzeit sich entweder von dem zu distanzieren, das mich zu zersetzen droht, oder mich mit dem enger zu verbinden, das sich mit mir zusammenfügt – oder beides zugleich.
Ein erster Weg frei zu werden besteht im Erforschen durch Versuch und Irrtum, in tastenden Versuchen. Man stolpert hier halbblind herum, dennoch müssen wir versuchen Erfahrungen zu sammeln, wobei meine Erfahrungen niemals die gleichen, wie die einer anderen Person sind. Auch wenn wir nicht einfach „die freie Wahl“ haben, ist es doch möglich, dass wir lernen können, uns in bessere Beziehungen und Verhältnisse zu begeben. Die Ambivalenz aber bleibt: Zu früh oder zu spät verbinden wir uns, zu früh oder zu spät lassen wir los. Manche sind offen für alles und laufen ungeschützt in offene Messer, andere, übervorsichtig, lassen das Leben vorbeiziehen.

[138]

Wenn uns diese tastenden Versuche nach und nach erschöpft haben, nach jedem Hoch, so sicher wie das Amen im Gebet wieder ein Tief verschafft haben (wenn auch vielleicht nicht mehr ganz so tief, wie beim letzten Mal) – so beginnen wir nach „Systemen“ und nach einer "Moral" zu suchen, um besser zu erkennen, besser zu spüren, worum es uns im Leben überhaupt geht. Nicht wenige halten sich dabei wiederum an die implizite Moral vorgegebener Lebensmuster, andere suchen in Aberglauben, Spiritismus, etc. nach den Geschichten, die ihnen den Rückhalt verschaffen sollen, um die Phasen des Schmerzes zu verringern und besser durchstehen zu können oder die Phasen der Langweile und Sinnlosigkeit zu überwinden.
Bei Spinoza hingegen geht es um eine konkrete persönliche Erfahrungswissenschaft meiner Verhältnisse, zu lernen jene ambivalenten Zeichen- und Reiz-Reaktions-Schemas, die in unsere Weltsicht und unsere Gefühlsstruktur eingelassen sind zu erkennen und durch die stabileren Ausdrucksformen unseres Begehren zu ersetzen. Wir sehen in den Verhältnissen immer besser die nicht ambivalenten Proportionen, dessen was unser Körper bzw. unser Geist für seine erweiterte Handlungsfähigkeit und Freude, für deren mächtigere Zusammensetzung mit anderen Körpern und Geistern brauchen.

Folgen wir dabei einem längeren Zitat Deleuze‘:

Die Welt der obskuren und doppeldeutigen Zeichen ist die Welt des Inadäquaten und der Leidenschaft. Spinoza ist hier ganz klar: „wenn du dich in der ersten Erkenntnisweise abmühst, mühst du dich in einer der schlimmsten Existenzweisen; du bleibst den doppeldeutigen Zeichen verhaftet, ob es sich um die Zeichen der Sexualität oder jene der Theologie handelt, spielt keine Rolle; es spielt keine Rolle, woher diese Zeichen stammen, ob es sich um die Zeichen des Propheten oder jene der Geliebten handeln, das ist einerlei – es ist und bleibt die Welt der doppeldeutigen Zeichen.“ Es ist angebracht, jene doppeldeutigen Zeichen, in maximalen Grade zu unterdrücken. Auch wenn man immer jenen doppeldeutigen Zeichen ausgeliefert sein wird, ihrem Gesetz untersteht. (…) Der Spinozismus hingegen ist dieses praktische Streben, das uns mitteilt: „Du verstehst, was deinen Kummer, deine Angst verursacht hat: das Leben in der Welt der doppeldeutigen Zeichen. Was ich – Spinoza – dir vorschlage, ist jenes konkrete Streben, diese obskure, dunkle, doppeldeutige Welt durch eine andere Welt zu ersetzen, eine Welt von anderer Natur, die du – unter größter Umsicht – aus jener ersten Welt extrahieren wirst. Diese Welt ist jene der nicht-ambivalenten Ausdrucksweisen. Etwa hinsichtlich der Sexualität: Spinoza vertritt die Auffassung, dass es keine nicht-ambivalente Ausdrucksform für die Sexualität gibt. Die Sexualität ist etwas Äußerliches und er weist uns darauf hin: „OK, leg los, aber achte darauf, dass sie nicht den größten Teil deiner selbst ausmacht!“, denn wenn dir das passiert und sie den größten Teil deiner selbst ausmacht, dann verlierst du jetzt und in Zukunft noch mehr, den größten Teil deiner selbst. Nach Spinoza sind wir letztlich das, was wir während unserer Existenz, den größten Teil unserer selbst ausmachen ließen.

http://www.webdeleuze.com/php/texte.php?cle=188&groupe=Spinoza&langue=1
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Erste Lebens/Erkennensweise – Reich der Zeichen

Apr. 25th, 2012 | 08:07 am

Unsere Leben sind völlig eingelassen in Ordnungen von Zeichen, deren Affektionen unseren Körper über-/durchziehen und uns mit den anderen Körpern kommunizieren lassen – auf welche Weise auch immer. Meine gerötete Haut zeigt ihr Affiziert-worden-sein durch die Sonne an, wie sie auch die modifizierende Fähigkeit der Sonne anzeigt. Das Zeichen zeigt beides in einem: die Natur des affizierten Körpers sowie jene des affizierenden. Alle Ambivalenz der Zeichen rührt daher - ebenso wie unsere Konfusion und Verdrehung von Realitäten.“Die blöde Sonne hat mich verbrannt“, sage ich dann wie ein Kind, dass auf den Tisch böse ist, an dem es sich gestoßen hat.

Ansay führt diesen spinozistischen Ansatz ein Stück weiter und unterscheidet verschiedene Zeichen.

Es gibt für ihn die Ordnung der „hinweisenden Zeichen“ (le régime des signes indicatifs), welche wir ernst nehmen müssen, da sie uns Hinweise über unseren Zustand und unsere Beziehung zu anderen und zur Welt liefern (die gerötete Haut, Hunger, etc.).
[133]
Von dieser Zeichenordnung unterscheidet er die „Ordnung der abstrahierenden Zeichen“ (signes abstractifs), mit denen wir alles Mögliche kategorisieren und zusammenfassen. In dieser Zeichenordnung, so nützlich sie auch sein mag, finden sich dann auch die Ansatzpunkte für Vorurteile, Dazugehörigkeiten, Ausschließungen etc. durch die wir uns tagtäglich bewegen: Sympathien, Anitpathien, allgemeine menschliche und sexuelle Attraktion-Repulsion, die Ordnung der Fantasien, Illusionen, Tagträume. Es ist die Ordnung aller möglichen sozialen Rot-Gelb-Grün-Lichter, die uns drohen und zurechtweisen aber auch Kompensation, Unterhalt, Belohnung, Genuss, Sicherheit und Ehre versprechen – die Ordnung eines allgemeinen Reiz-Reaktions-Schemas: Strafe und Belohnung. Diese Zeichen bewusst zu ignorieren hat ihren Preis, sie nicht oder schlecht zu beherrschen ebenfalls. Aber auch die perfekte Meisterschaft hat ihren Preis, da man leicht übersieht, dass das nicht die ganze Wirklichkeit ist. Wenn sich die ganze Welt nur noch wie Pappmaché anfühlt, hat man sich wohl zu sehr auf diese Ordnung eingelassen. Diese Zeichenordnung beinhaltet aber auch alle möglichen „Brillen“ oder Interpretationssysteme, die den „Sinn dahinter“ suchen und schließlich zu kennen glauben: rassistische, biologistische, abergläubische, alltagsphilosophische, esoterische, unkritische humanistische, schulpsychologische, pädagogische, meinungs-politische etc. Brillen. Diese Zeichenordnung ist oft vergnüglich, bisweilen hebt sie unser Selbstbild (gegenüber den anderen und der Welt) himmelhoch, bevor wir wieder von Minderwertigkeit und Schuld befallen werden. So schwanken wir hier fast ungebremst zwischen Freude und Traurigkeit.
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Drei Arten das Leben zu erkennen, drei Arten zu leben:

Apr. 23rd, 2012 | 08:48 am

Das Leben gemäß der Imagination: Inmitten unserer Affektionen, fast ohne Mittel diese zu ordnen liefern wir uns den Zeichen und Leidenschaften aus: Sex, Werbung, Konsumieren, Shoppen, Meinungsstreit, Filmfantasien, vorurteilsbeladener Streit, wütende Reaktionen, Übermut, Rechthaberei,, Selbstüberschätzung …
und wie oft fühlt es sich ziemlich gut an! Doch der Absturz kommt – je höher, desto tiefer.

Das Leben gemäß der Vernunft: Wissenschaft, Versuche zu verstehen: Bücher über gesellschaftliche Themen, eingehende Untersuchung unserer Situation, ein Gespräch mit einem/einer Freund/in, um zu verstehen, wie einem geschieht, ein Buch über Geometrie lesen, Schwimmen oder Tanzen oder Ungarisch lernen, Versuche mit anderen, das eigene Los zu verbessern, …

Das Leben gemäß der Intuition: Erfahrungen, die wir in der Kunst, im Spirituellen, in der Verbindung/Vereinigung mit dem großen Ganzen machen: Momente, die so stark sind, dass man sie unbeschreiblich nennt: im Lieben, in der Kunst, individuelle oder kollektive Momente des Aufbruchs und der Befreiung.

[132]
Sicherlich geht es für Spinoza darum, auf diesen drei Stufen so gut wir können hochzusteigen damit letztlich das Leben auf der dritten Stufe den Großteil unseres Lebens ausmache. Doch wird es immer von allen drei Arten geprägt sein, wenn man davon ausgeht, dass wir überhaupt die dritte je erreichen – doch vielleicht in wenigen, kurzen Momenten.

Wer und was wir sind, ergibt sich aus dem relativen Verhältnis jener drei Erkenntnis- und Lebensweisen in unserem Leben/Erkennen, wobei die erste bei den meisten von uns und die längste Zeit über vorherrschend ist.
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Unsere Emotionen, unser Begehren

Apr. 19th, 2012 | 10:11 am

Wir können unsere Emotionen nicht ablegen – ob sie uns nun nerven oder zerstören oder, im Gegenteil, uns unserer selbst versichern, ob sie uns bösartig werden lassen, oder uns zu bestimmten Zeiten in den siebten Himmel tragen. Unsere Emotionen sind aus spinozistischer Sicht bereits „Proto-Gedanken“. Sie sind weder gut noch schlecht, sondern sie sind einfach und dienen uns als Orientierungshilfe für unser Verhalten, welches möglichst „emotional intelligent“ sein sollte. Was tun, also? Sollen wir diese körperlichen wie seelischen Regungen belachen, beweinen? Spinozas Antwort: Nein, wir sollen sie verstehen.

„Kann ein intellektuelles Verständnis einen Damm gegen die Sturzbäche unserer Emotionen bilden, die uns beizeiten zu ertränken und fast umzubringen drohen? Ja, weil das echte Verstehen ebenfalls eine Emotion bewirkt – eine stärkere Emotion, die auch jene Emotionen umfasst, die es versteht.“
(Thommass, Balthasar, Être heureux avec Spinoza)

Somit wird jene Emotion intelligent. Wir beginnen zu verstehen, was uns angezogen hat, was uns bewegt, besorgt oder uns mit sich gerissen hat. Aufgrund dieses Verstehens werden wir uns besser verhalten können, wieder Boden unter den Füßen gewinnen, wir werden jene Menschen finden, die uns gut tun und uns mit ihnen gemeinsam wieder Freude verschaffen. Und diese Freude wird uns stärker und intelligenter machen. Aber auch umgekehrt: das Unglück kann uns der Fähigkeit berauben, ihm die Stirn zu bieten, uns die Fähigkeit nehmen zu verstehen und zu handeln. Das Unglück bildet mit sich selbst einen Teufelskreis. Es macht jene noch unglücklicher, die es erfasst, da es ihnen die intellektuellen Mittel und Praktiken nimmt, um sich da wieder herauszubewegen. Manchen denken sogar, dass eine traurige Erfahrung ein Sprungbrett zu einem besseren Leben ist.

[114]
Liebes-Begehren, Emotions-Begehren, ok. Doch für Spinoza gilt, dass diese immer auch ein Quantum Bewusstsein transportieren. Das Begehren ist eine Regung des bewussten Selbst, eine Konstruktions-Regung des Selbst.
[115]
Für Spinoza ist das Begehren in den besten Fällen eine Einsicht in unser Selbst, ein Bewusstsein unseres konstruktiven Willens, Ursache der Freude und sinnerfüllt. Es geht also keinesfalls darum, das Begehren zu betäuben oder abzutöten, denn es ist eine Instanz, die uns überhaupt erst hervorbringt.
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Was also können unsere Körper?

Apr. 1st, 2012 | 09:04 am

Unser Körper beinhaltet eine grundlegend versteckte Dimension. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten von Begegnungen, die unendlich viele Affektionen hervorbringen können. Ich bin also eine unendliche Variation an Intensitäten zwischen meiner größten Freude und dem Zustand tiefster Traurigkeit – wozu bin ich also fähig? Welchem Quantum Traurigkeit kann ich welche Freude entgegenstellen? Der Körper ist das essentielle Medium. Durch meinen Körper passiert alles, durch ihn nehme ich teil, durch ihn gebe und nehme ich. Die Menschen sind verschieden. Sie sind nicht in gleichem Ausmaß fähig diese Intensitäten – freudvolle Affekte, traurige Affekte – zu bewältigen.
[23]
Außerdem sind unsere Freuden und Traurigkeiten immer auch lokal, sie docken an bestimmten Körperteilen/an bestimmten unserer Ideen an. Eine Begegnung kann dann „an dieser Stelle“ eine Freude, an jener „anderen Stelle“ eine Traurigkeit hervorbringen. Wenn Brassens singt „Il n’y a pas d’amour heureux“, so weist er darauf hin. Hier tut es gut, dort tut es weh. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Affektionen Leidenschaften sind. Wir entkommen den Leidenschaften nicht. Suchen wir also die freudvollen Affektionen, doch wir müssen erkennen und auswählen lernen, welche Affektionen Freude bereiten – und bereits hier sind wir nicht mehr nur passiv-leidenschaftlich, sondern wir werden aktiv-handelnd. Um die guten Wellen zu finden, die unsere Freuden tragen, müssen wir deutlichere Ideen entwickeln, die Spinoza Gemeinbegriffe (notiones communes) nennt.
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Pierre Ansay, 2011: Spinoza peut nous sauver la vie. Traité de philosophie pratique. Bruxelles
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Frei sein inmitten der Notwendigkeit

Mar. 29th, 2012 | 09:53 am

[15]
Wir schwimmen also im Meer des Lebens: Die Wellen stoßen und schütteln uns. Es ist unmöglich diese Wellen zu kontrollieren, aber es ist möglich zu schwimmen. Dabei gilt es zwei Dinge zu beachten: ihre Kraft und ihre Bewegungen, die sie auch auf uns übertragen. Der Weise schwimmt mit diesen Kräften und Bewegungen und richtet sich nach ihnen aus, um einen Kurs für sich zu finden. Der Narr oder der Schwache peitscht und schlägt in die Wellen und erweist sich als unfähig zu schwimmen. Er wird ‘mal dahin ‘mal dorthin getrieben und droht zu ersaufen. Spinoza schreibt am Ende der ‘Ethik‘:

„Meine Darstellung macht deutlich, dass wir von äußeren Ursachen auf viele Weisen bewegt und hierhin und dorthin getrieben werden wie von entgegengesetzten Winden bewegte Wellen auf dem Meer, unkundig unseres Ausgangs und unseres Schicksals.“ (E3P59S)

Äußere Zwänge und innere Freiheiten

Spinoza trifft eine grundlegende Unterscheidung: Wir sind in eine Ordnung allgemeiner Notwendigkeit eingelassen. Innerhalb dieser Notwendigkeit gibt es äußere Zwänge und innere Freiheiten.

[16]
Wir irren uns, wenn wir glauben, dass wir fähig sind, uns selbst zu leiten, wie der souveräne Kapitän das königliche Schiff im Hafenbecken manövrieren lässt. Entweder strampeln wir uns – körperlich, wie seelisch – in der Unordnung ab, oder wir schwimmen – in passabler körperlicher wie seelischer Verfassung – mit der Welle. Grundsätzlich: Neben diesem äußeren Zwang der Wellenverhältnisse gibt es noch in uns jene Freiheit, die darin besteht, zu verstehen, in welches Boot oder welches Meer wir da gefallen sind und außerdem darin, gemäß unserer Fähigkeit, gemäß unserer Agilität ein Gefährt zu zimmern und uns einen Kurs zu geben – und außerdem unser Gefährt, unseren Kurs und nicht den einfachsten Weg, den normalen Pfad, das standardisierte Gefährt von Jedermann. Unsere Handlungsfähigkeit verläuft dem Grat von Körper/Geist entlang. Die Notwendigkeit verdoppelt sich also: Wir werden von den Wellen gezwungen, sie sind zu stark, doch wir sind frei, die jeweiligen Strömungen zu verstehen und – ausgehend von dem, was uns unser/e Bestrebung/en jeweils als Selbstverwirklichung erkennen lassen – weiter zu schwimmen. Frei sein heißt, zu schwimmen lernen und die Wellen und Strömungen zu verstehen.

[17]
Frei sein heißt für Spinoza, zu verstehen, in welches Schmierentheater oder welche Tragödie wir da geraten sind, welche Rolle man uns zugedacht hat und wie man da wieder herauskommt.
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Pierre Ansay, 2011: Spinoza peut nous sauver la vie. Traité de philosophie pratique. Bruxelles
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Lerne zu schwimmen

Mar. 26th, 2012 | 01:45 pm

[7]
Lerne zu schwimmen! Denn unser Leben spielt sich zwischen den Wellen ab, dein Leben besteht im Schwimmen, in diesem Meer. Unaufhörlich werden wir durchgeschüttelt, peitscht es uns ins Gesicht und wir werden von Strömungen erfasst, die uns zu ersäufen drohen – wenn wir nicht aufpassen und wenn wir sie nicht genügend verstehen. Die guten Wellen, worunter wir die guten Begegnungen verstehen, geben dir Kraft, die schlechten schwächen dich. Man muss lernen, die guten und die schlechten zu unterscheiden. Hör auf passiv zu sein, dich der Gnade eines Windstoßes auszuliefern! Erkenne, in welchen Wassern du schwimmst. Entdecke wohin dich deine Bewegungen führen, indem du die guten Wellen nützt. Hör auf zu leiden! Verstehe deine Welt. Sei kein Sklave der Wellen, von denen die Leiden/leidenschaftliche-Liebe eine der stärksten ist. Leite dich selbst, liebe, doch meide die schlechten Begegnungen. Allerdings: Es gibt keine schlechten Begleiter, nur schlechte Reisen. Es fehlt nichts, denn es gibt nicht außerhalb dessen, was ist. Und wenn es Mangel gibt, so nur deswegen, weil etwas selten anzutreffen ist in der Welt um uns, und nicht aufgrund eines ursprünglichen Mangels in uns oder in den anderen.
[8]
Wir sind mit einer Antriebskraft ausgestattete Schwimmer und diese Kraft treibt uns voran. Wir wissen, dass uns die Wellen eines Tages nicht mehr tragen werden und wir unseren letzten Zug getan haben werden, doch das ist nicht, was zählt. Es gilt, ein wenig Spinoza in sich zu finden, ihn zu integrieren, Lehren zu ziehen, eine Kraft zu finden, die die Dummheit verringert und die gelassene Liebe zu den anderen finden lässt. Es gilt, diese Freude (wieder) zu finden, sie auf zurückhaltende Weise auszuleben, ohne allzu große Ambitionen, ohne Liebesabenteuer anzuhäufen, oder Geld, oder Ehre. Diese Freude ist subversiv und kann Neid und Missgunst hervorrufen.

Um an dieser Freude teilhaben zu lassen, sie mitteilen, sie „kommunizieren“ zu können, muss man neue Verben erfinden wie „lieben-verstehen-handeln“, vereinigende Verben, die das zusammenführen, was die westliche Philosophie analysiert und getrennt hat, um es immer besser zu sagen und auszudrücken, doch um den Preis, jenes Leben zu betäuben, das in der Vereinigung besteht.
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Pierre Ansay, 2011: Spinoza peut nous sauver la vie. Traité de philosophie pratique. Bruxelles
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